Zöliakie und Schilddrüse: Der Zusammenhang mit Hashimoto
Von Glutenrein · Lesezeit ca. 5 Min.
Die Diagnose Zöliakie verändert viel — aber sie kommt selten allein. Eine der häufigsten Begleiterkrankungen betrifft die Schilddrüse: Hashimoto-Thyreoiditis, eine Autoimmunerkrankung, bei der das Immunsystem Schilddrüsengewebe angreift. Wer beides hat, stellt sich zu Recht die Frage: Hängt das zusammen? Und was bringt die glutenfreie Ernährung dann?
Warum Hashimoto und Zöliakie so häufig zusammen auftreten
Zöliakie ist keine reine Darmerkrankung. Sie ist eine systemische Autoimmunerkrankung — und das Immunsystem, das einmal auf Gluten fehlprogrammiert ist, zeigt eine höhere Bereitschaft, weitere körpereigene Strukturen anzugreifen. Die Schilddrüse gehört zu den am häufigsten betroffenen Organen.
Zahlen aus einer großen Metaanalyse von Sun et al. (2016, PLOS ONE) machen den Zusammenhang deutlich: Menschen mit Zöliakie haben ein mehr als dreimal so hohes Risiko für eine Schilddrüsenerkrankung (OR 3,08; 95% KI 2,67–3,56). Noch spezifischer: Für Hypothyreose — die klassische Unterfunktion, wie sie bei Hashimoto entsteht — liegt die Odds Ratio bei 3,38. Bei euthyreoter Autoimmunthyreoiditis, also dem Zustand, in dem Schilddrüsenantikörper bereits erhöht sind, aber die Schilddrüsenfunktion noch normal ist, steigt sie sogar auf 4,34.
Wichtig zu verstehen: Dieser Zusammenhang gilt vor allem für Hashimoto. Die Hyperthyreose — also die Überfunktion, wie sie bei Morbus Basedow auftritt — ist bei Zöliakie-Betroffenen nicht signifikant häufiger (OR 1,28, p = 0,69). Wer also über die Schilddrüsen-Verbindung bei Zöliakie spricht, meint in erster Linie Hashimoto, nicht Basedow.
Auch der umgekehrte Blick ist aufschlussreich: Bei Erwachsenen mit Autoimmunthyreoiditis liegt die Zöliakie-Prävalenz bei etwa 1,6 Prozent — bei Kindern mit dieser Erkrankung sind es 6,2 Prozent (Roy et al. 2016, Thyroid, PMID 27256300). Beide Erkrankungen sind also in beide Richtungen miteinander verknüpft.
Die gemeinsame Wurzel: HLA-Gene und Immunsystem
Warum trifft das so viele Menschen? Der Schlüssel liegt im Erbgut. Zöliakie ist eng an bestimmte HLA-Genotypen geknüpft — vor allem HLA-DR3 und HLA-DQ2. Dieselben Genotypen erhöhen auch das Risiko für Hashimoto. Das Immunsystem dieser Menschen reagiert generell sensibler auf körpereigene und körperfremde Strukturen, was die Th1-vermittelte Immunantwort betrifft.
Dazu kommen funktionelle Faktoren: Zöliakie führt — zumindest im unbehandelten Zustand — oft zu einer Malabsorption im Dünndarm. Selen und Vitamin D werden schlechter aufgenommen. Beide Mikronährstoffe spielen eine direkte Rolle für die Schilddrüsenfunktion: Selen ist an der Umwandlung von T4 zu T3 beteiligt, Vitamin D beeinflusst das Immunsystem. Ein anhaltender Mangel kann bestehende Autoimmunprozesse an der Schilddrüse zusätzlich begünstigen.
Das bedeutet nicht, dass Zöliakie Hashimoto verursacht. Aber beide Erkrankungen entstehen auf dem gleichen biologischen Boden — und wer eine hat, sollte die andere kennen.
Was das für das Screening bedeutet
Die europäische Zöliakie-Leitlinie (ESsCD 2025) empfiehlt bei einer Zöliakie-Diagnose ausdrücklich eine Kontrolle des TSH-Wertes — wenn nötig ergänzt durch den fT4-Wert. Diese Empfehlung gilt als „strong“, also mit hoher Evidenzgrundlage.
In der Praxis bedeutet das: Wenn du eine Zöliakie-Diagnose erhalten hast, sollte beim nächsten Arzttermin auch die Schilddrüsenfunktion im Blut geprüft werden, falls das noch nicht geschehen ist. Umgekehrt gilt: Wer wegen Hashimoto in Behandlung ist, sollte einmalig auf Zöliakie getestet werden — das geht über die Kombination aus tTG-IgA (Gewebstransglutaminase-Antikörper) und Gesamt-IgA im Blut.
Beide Erkrankungen können lange symptomarm verlaufen. Zöliakie zeigt sich bei Erwachsenen oft nicht mit den klassischen Darmbeschwerden, sondern mit Erschöpfung, Konzentrationsproblemen oder unspezifischem Unwohlsein — Symptome, die auch bei einer Schilddrüsenunterfunktion auftreten. Das macht die gegenseitige Überschneidung klinisch schwer zu erkennen, wenn man nicht gezielt sucht.
Du findest eine Übersicht aller relevanten Begleiterkrankungen bei Zöliakie in unserem Ratgeber zu Begleiterkrankungen, und wenn du nicht sicher bist, ob du getestet werden solltest, hilft dir unser Beitrag Wer sollte sich auf Zöliakie testen lassen?.
Was die glutenfreie Ernährung leistet — und was nicht
Hier ist Ehrlichkeit wichtiger als Optimismus. Die glutenfreie Ernährung ist bei Zöliakie keine Option, sondern medizinische Notwendigkeit. Sie schützt die Darmschleimhaut, ermöglicht die Regeneration der Dünndarmzotten und verbessert die Aufnahme von Nährstoffen wie Selen und Vitamin D — was indirekt auch der Schilddrüsenfunktion zugutekommen kann.
Was die glutenfreie Ernährung dagegen nicht tut: Sie ist kein Mittel gegen Hashimoto, wenn keine Zöliakie vorliegt. Eine aktuelle Auswertung (Piticchio 2023, PMC10405818) fand bei Menschen mit Hashimoto ohne Zöliakie keinen signifikanten Effekt der glutenfreien Ernährung auf TPO- oder Tg-Antikörper — also auf die klassischen Hashimoto-Marker. Die Datenlage ist dünn, die Studien sind klein, und keine europäische Leitlinie empfiehlt eine glutenfreie Ernährung zur Behandlung von Hashimoto ohne gleichzeitige Zöliakie-Diagnose.
Das bedeutet: Wenn du beides hast — Zöliakie und Hashimoto — ist die glutenfreie Ernährung aus gutem Grund Teil deines Alltags. Ob sie spürbar auf deine Schilddrüsenwerte wirkt, lässt sich seriös nicht versprechen. Was sie sicher tut: Sie schützt deinen Darm und gibt deinem Körper die Grundlage, Nährstoffe wieder richtig aufzunehmen.
Fazit
Hashimoto und Zöliakie teilen eine gemeinsame immunologische Basis — HLA-Genetik, Th1-Immunantwort, dieselbe Anfälligkeit für Mikronährstoffmängel. Das Risiko, bei Zöliakie auch an Hashimoto zu erkranken, ist laut aktueller Studienlage mehr als dreimal so hoch wie in der Allgemeinbevölkerung. Gegenseitiges Screening gehört deshalb zum Standard. Die glutenfreie Ernährung ist bei Zöliakie medizinisch unverzichtbar — und hilft dabei, die Grundvoraussetzungen für eine bessere Nährstoffversorgung zu schaffen. Wer in einer gesicherten glutenfreien Küche kocht, legt damit auch für Begleiterkrankungen die richtige Basis.
Dieser Artikel ersetzt keine ärztliche Beratung. Bei Verdacht auf Zöliakie oder Hashimoto wende dich an eine gastroenterologisch oder endokrinologisch erfahrene Praxis.
Glutenrein — Das Glutenrein-Team
Quellen
- Sun X et al. (2016): Relative Risk of Celiac Disease in Patients With Hashimoto’s Thyroid Disease. PLOS ONE. DOI 10.1371/journal.pone.0168708
- Roy A et al. (2016): Prevalence of Celiac Disease in Patients with Autoimmune Thyroid Disease: A Meta-Analysis. Thyroid. PMID 27256300
- Piticchio T et al. (2023): Effect of gluten-free diet on autoimmune thyroiditis. PMC10405818
- ESsCD Consensus 2025 — European guidelines on coeliac disease (Screening & comorbidities)